Momentaufnahmen


Liebes Jahr 2011,
ja, ich weiß, die Silvesternacht war schon immer eine Falle, die weismacht, dass etwas Neues beginnt.  Also, wenn ich dich jetzt so anschaue, liebes Jahr 2011, so stelle ich fest, du warst durchwachsen.  Du warst ein ganzes Jahr von der Sorte April, eines,  in dem man ahnte, dass hinter der nächsten Ecke ein neuer Zustand wartet und es oft nicht um den Zustand an sich geht,  sondern um das Durchhalten, das einmal gemacht haben, das Akzeptieren, das in Angriff nehmen. Kannst du mir eigentlich mal erklären,  warum die ganze Zeit außen herum ein Geschwindigkeitswettbewerb auf allen Ebenen stattfand,  warum du eine Katastrophe nach der anderen über den blauen Planeten geschickt hast und immer wieder mit neuen Schreckensnachrichten aufwartetest?  Bis auf den arabischen Frühling warst du ein Jahr voller Terror und Finsternis. Und ja, auch voller Trauer.
Liebes neues Jahr 2012,  bitte tu dein Bestes dafür,  damit das bei dir nicht passiert.  Danke.
Ach du.  Eigentlich weiß ich ja, dass das alles gut wird mit uns, dass wir uns gut verstehen werden, und dass alles ganz wunderbar sein wird.  Meistens jedenfalls.  Und seit gestern morgen weiß ich auch wieder genau, dass ich auch 2012 eine Menge Musik haben werde und Kunst.  Und Zeit für Freunde und Treffen mit Bands,  Zeit für Nachtprogramme und Juliwochenenden,  für fesselnde Bücher und Schabernack.
Also  dann – jetzt schnell weiter ins Neue, und nicht mehr umdrehen.

Da sitze ich also auf meinem sonnenbeschienenen Balkon und zeichne in mein Skizzenbuch. Dieses und jenes. Beschreibe eine Seite nach der anderen, mit diesem und jenem. Die Seiten davor und die Skizzenbücher davor zeigen es mir an, dieses Spiel, das nie zu gewinnen ist. Kein Heute ist mit dem Gestern zu füllen.

Manchmal. Könnte man es ja auch anders machen. Seine Geschichte anders erzählen. Denn das ist es doch, alles ist Geschichtenerzählen. Ach, weißt du noch? War das nicht schön? Ja, ich weiß es, aber ich weiß es anders, und das war auch schön. So sind die Menschen, sie erzählen Geschichten. Das ist, weil wir noch wach genug sind, weil wir noch zucken, wenn uns etwas berührt. Und weil nicht überall Hornhaut ist, wo man sie vermuten könnte.

Manchmal. Ist es besser, etwas geschehen zu lassen und zu merken: nein. Denn man muss aufpassen auf seine Geschichte. Allzu schnell geht sie verloren, ist plötzlich nicht mehr da. Die Figuren spielen nicht mehr mit, die Musik hört auf zu spielen, die Hauptfigur hat längst die Handlung abgegeben. Ja, man muss aufpassen auf seine Geschichte. Sonst ist man irgendwann nur noch Statist im Leben anderer. Und leere Tage haben keine Erinnerung. Haben keine Geschichten. Skizzenbücher bleiben leer, vergilben, zerstäuben.  Also nehme ich den Bleistift und male die Linien, lege dazu die Worte auf das Papier, setze schwelgerisch Farben hinzu und sortiere, denn es ist einfacher, sich einen Anlass zu nehmen, als permanent Acht zu geben und aufzupassen, dass die eigene Geschichte einem nicht wegrutscht, jedenfalls nicht so, dass man sie nicht mehr zu fassen bekommt. Vielleicht lese ich das, was ich heute schreibe, später noch einmal. Wenn ich wieder in meiner Geschichte blättere und mich frage: Weisst du noch? Vielleicht sitze ich dann auch auf einem sonnenbeschienenen Balkon. Irgendwann. In einem anderen Jahr. Ob hier oder woanders.

Draußen vor der Tür liegt Schnee. Und mein schwarzer dicker Wollschal. Ich hab ihn verloren, wie so vieles. Man verliert im Leben immer irgendetwas. Draußen oder manchmal auch drinnen. Vor der Tür oder sonstwo. Ich glaub, bei manchen Dingen bin ich ein bisschen froh, dass sie weg sind, z.B. bei diesem illustren Schlüsselanhänger, den mir einmal die P. geschenkt hat. Bei manchen Dingen, bei denen ich dachte, ich wäre froh, wenn ich sie verlieren würde, fehlt mir hinterher dessen Anblick, etwa der einer chic geblümten Strandtasche aus Melonares. Ich versuche mich zu erinnern. Erinnern an verlorene Sachen. Mir fällt ein Mensch ein, den hab ich in meinem Leben schon zweimal verloren. Vor längerer Zeit. Manchmal findet man aber auch etwas wieder. Das kann eine EC-Karte sein, die jemand in der Bank abgegeben hat. Ein Lammfellhandschuh, den die Nachbarin an den Türgriff gehängt oder die Kassette der Band, die damals immer in der alten Molkerei geprobt hat. Und wenn es Frühling wird (….es wird doch Frühling?), brauche ich den Schal sowieso nicht mehr. Höchstens einen bunten.

Noch lässt mich mein Vinylplattenregal nicht los. Immer noch nicht. Endlos die Reihen, die Geschichten dazu sowieso. Vieles nehme ich in die Hand, stelle es wieder zurück. Bei einigen Schallplatten kann ich mich nicht einmal mehr daran erinnern, wie sie hierher gekommen sind. Auf anderen stehen Widmungen, Daten, Orte, Texte, die sogleich das Kopfkino der Erinnerungen in Gang setzen. Und dann dieses Album hier, ganz schmal und unscheinbar steht es fast verborgen zwischen den Doppelalben des Buchstaben „B“. Burdon, Eric: When I think of all the good times that I have wasted having good times. Zwischen Gestern und Morgen. Behutsam öffne ich die Hülle, schiebe die Scheibe aus dem Cover. Ich weiß genau, was mich erwartet. Eric Burdon fällt es niemals schwer, mit seinen Songs zu mir vorzudringen, denn sie erinnern mich an das, dass das, was ist, nicht immer da ist. Damals war es der Schweiß, den ich lange nicht mehr auf der Stirn stehen hatte, das Stehen auf der Holzbank mit den Händen in den Taschen, es waren die großen weißen Vögel, die überall saßen und starrten, und das alte Fahrrad, das an die Platane vor P`s Haustür gekettet war. Gestern war es der frühe Nebel über den Bahn-Gleisen, das Krachen eines Containers an der Baustelle gegenüber und die kleinen Dampfer, die ohne Besucher über den Rhein zogen. Heute sind es die Kastanien, die auf die Straße rollen, die Kinder, die lustige Formen auf Bildschirmen herum schieben und im Cafe nebenan ist es die neue Bedienung. 

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